Buchkritik vom 8.10.15

Zuletzt lasen wir den Roman “42” von Thomas Lehr. Der Roman stand auf der Shortlist 2005 für den “Deutschen Buchpreis” und ist das bisher erfolgreichste Buch des Autors.
Im Jahr 2000, exakt um 12 Uhr 47 Minuten 42 Sekunden bleibt in Genf am CERN die Zeit stehen. Allein der Ich-Erzähler und 70 Leidensgenossen, eine Delegation von Pressevertretern, CERN-Leuten und einem höherrangigen Politiker mit Entourage, die zu einer Präsentation des CERN angereist waren, bleiben von dem Phänomen verschont. Sie leben weiter wie bisher, jeder in der eigenen Zeitblase; sie altern, können sich bewegen und miteinander kommunizieren. Sie sind allerdings auf mehr oder weniger vortechnische Zeiten zurückgeworfen, da außer dem Licht die gesamte Physik einschließlich dem Rest der Menschheit erstarrt ist. Alles bleibt erhalten wie es zur Stunde Null war: Der Kaffee bleibt heiß, das Flugzeug steht in der Luft, es ist immer Mittag. Gequält von Misstrauen, Heimweh, Angst vor der Erstarrung, dem Tod durchwandert der Ich-Erzähler mal alleine, mal mit Freunden diese seltsame Welt. Ausgehend von den Orten, die er dabei berührt, entfaltet der Autor ein gewaltiges Spektrum der europäischen Kultur und ihrer Mythen, Erzählungen und Rätsel, unter denen natürlich zu allererst das CERN zu nennen wäre, eine Maschine zur Welterforschung, von der niemand so recht weiß, was dort geschieht. Die großen Themen der Literatur werden angesprochen: Verschwörung, Liebe, Eifersucht, Abenteuerlust, Forscherdrang, Exotik, sex and crime usw. Es erscheint eine Unzahl berühmter Namen von Naturwissenschaftlern, Künstlern und Philosophen. Der Schlüssel zu allem scheint eine Statue Vladimir Nabokovs zu sein, dargestellt als Schmetterlingsfänger an dem Ort, an dem er seine letzten Lebensjahre verbracht hat, im Montreux Palace Hotel. Bei seinem Anblick erfahren sich die Protagonisten als Romanfiguren, als konstruiert.
Lehr zeigt und erklärt uns weniger, wie eine Welt funktioniert. Er will uns auch nicht bilden oder erbauen oder naturwissenschaftliche oder philosophische Erkenntnisse verschaffen. Er zeigt uns ganz schlicht, wie ein Roman funktioniert, wie Literatur geht. Er gewährt einen Blick in die Trickkiste des Schriftstellers, in seine Illusionsmaschine, zeigt uns den Steinbruch, den er plündert und aus welcher Ecke er kommt. Ganz im Sinne Nabokovs schafft der Autor Illusionen ohne Rechtfertigungsbedarf. Er ist ein Zauberer, nichts mehr, aber auch nichts weniger.
Die Sprache des Romans ist schwierig, teilweise “atomisiert”, das heißt gekennzeichnet von rudimentären Sätzen, aber dennoch hochpräzise und poetisch. Ein flüssiges Lesen ist kaum möglich; man stolpert bei jedem dritten Satz. Eine abschließende Interpretation hatten wir nicht zu bieten. Trotzdem ist “42” für den, der es mag, ein faszinierender Text, empfehlenswert für Freaks.